Geh sterben, Facebook!

Früher mochten wir Jugendlichen Facebook, aber wir sind längst auf andere Netzwerke umgestiegen. Und wer hat’s uns vermiest? Na klar: die Eltern! Und nicht nur die.

Facebook fanden wir vor ein paar Jahren noch cool und hip – wir Teenager. Jeder in meinem Alter nutzte es. Facebook ersetzte meinen Instant-Messenger ICQ mit seinem einprägsamen „uh oh“ und bot neue Möglichkeiten, Bilder oder andere Inhalte zu teilen. Die Alternative SchuelerVZ konnte sich bei uns nicht durchsetzen. Warum? Vielleicht weil es eine rein deutsche Plattform war – mir gefiel jedenfalls das Pink nicht; wir wollten Facebook-Blau. Jetzt nutzen meine Freunde und ich viel lieber Whatsapp, Instagram und Snapchat, um miteinander in Kontakt zu bleiben. Facebook ist für uns wie die E-Mail: Jeder hat es und nutzt es notgedrungen, keiner will es. Wir wünschten, Facebook würde endlich sterben – und daran sind auch unsere Eltern schuld.

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel auf einem US-Blog gelesen, in dem ein Teenager aus den USA, Andrew Watts, berichtete, welche sozialen Netzwerke er und seine Altersgenossen benutzen und warum. In vielen Punkten sprach er mir absolut aus der Seele. Auch er schrieb über Facebook: „Es ist für uns tot.“ Woran liegt das?

Mama, Papa, ihr seid schuld!

Früher waren wir bei Facebook unter uns. Doch seitdem auch Eltern und andere Verwandte es für sich entdeckt haben, teilen wir Bilder von der letzten Party nicht mehr gern in unserer Timeline. Auch weniger verfängliche Dinge posten wir nicht – einfach nur, weil wir wissen, dass unsere Eltern es sehen könnten. Durch ausbleibende Posts meiner Freunde ist mein Newsfeed eine einzige Werbefläche, in der mir Facebooks Algorithmus Dinge vorschlägt, die mich interessieren sollen. Jedoch habe ich noch nie verstanden, warum mir Posts von den Beauty-Bloggern Bibisbeautypalace und Dagibee oder die News zur neuesten Promi-Trennung von irgendwelchen Klatschblättern gezeigt werden – zur Zielgruppe gehöre ich nicht.

Zum Glück wird der ach so schlaue Algorithmus nicht in den Facebook-Gruppen eingesetzt. Ich sehe das, was mich interessiert, in chronologischer Reihenfolge. Werbung oder andere unwichtige Posts gibt es nicht. Auch mein Altersgenosse Andrew Watts aus den USA sieht das so: Ohne die Gruppenfunktion würden wir Facebook einen noch schnelleren Tod wünschen. Wir organisieren uns nämlich aktuell noch in den Facebook-Gruppen, etwa um Dinge, die unseren Schuljahrgang betreffen, zu besprechen – dort wird zum Abiball oder der nächste Woche anstehenden Mottowoche abgestimmt.

Finde deine Freunde … nicht!

Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum Facebook für mich und meine Freunde nicht mehr so attraktiv ist wie früher: Das Finde-deine-Freunde-Konzept funktioniert kaum noch, denn viele in meinem Alter verwenden bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken nicht mehr ihren Klarnamen: Leute, die ich gestern beim Grillen kennengelernt habe, finde ich über die Suche einfach nicht. Datenschutzpräventionen an Schulen haben dazu beigetragen, dass viele Jugendliche – auch ich – ihren Blick auf die eigenen Daten, die man im Internet preisgibt, überdenken.

 

Cybermobbing hat uns umdenken lassen

Ein erstes Umdenken gab es schon 2011, als die Mobbingplattform iSharegossip populär wurde. Spätestens, nachdem ein Mädchen aus dem Jahrgang über mir mit Hilfe der Plattform aus der Schule herausgemobbt worden war, erkannten viele in meiner Schulklasse, wie es enden kann, wenn persönliche Daten oder Bilder unter dem vermeintlichen Schutz der Anonymität gegen jemanden verwendet werden. Das Mädchen konnte nicht mehr durch seinen Stadtteil laufen, ohne von anderen erkannt zu werden. Die Mobber wurden kurze Zeit später von der Schule suspendiert.

Damit sich so ein Fall nicht wiederholt, wird heute penibler als noch vor ein paar Jahren auf die richtigen Privatsphäre-Einstellungen geachtet. Die wenigsten in meinem Alter teilen ihre Informationen und Bilder öffentlich. Bei den Jüngeren sieht das leider noch anders aus: Sensible Daten wie die eigene Telefonnummer oder sogar die Adresse machen sie für alle frei zugänglich – einfach weil sie sich nicht über die Gefahren eines solchen Verhaltens bewusst sind.

Bedenklich ist auch, was die Kleinen über die neue Plattform Younow aus ihrem Kinderzimmer streamen. Dort geben sie viel über sich preis, ohne zu wissen, was für Gefahren das birgt. So warnt auch das Familienministerium zu Recht, Nutzer gäben durch den Stream Einblicke in ihr Privatleben und „erleichtern so Mobbing durch Gleichaltrige und sexuelle Belästigungen durch Erwachsene“ .

Liebe Schulen, mehr Prävention bitte!

Deswegen sollte in der Schule noch früher darüber aufgeklärt werden, wie gefährlich es ist, im Internet zu viele Informationen über sich preiszugegeben – nicht erst in der Oberschule, wie es bei mir und meinem jüngeren Bruder der Fall war. Das in den allgemeinen Geschäftsbedingungen festgelegte Mindestnutzungsalter wird selten eingehalten. Bereits Zehn- oder Elfjährige nutzen soziale Netzwerke.

Zur Sicherheit gehört auch Verschlüsselung. Zum Chatten benutzen wir heute statt Facebook hauptsächlich die Messaging-App Whatsapp, die mittlerweile eine als sicher geltende Verschlüsselung einsetzt. Freunde aus den USA können das nicht verstehen. Um ehrlich zu sein, kann ich auch gar nicht genau erklären, warum wir lieber Whatsapp nutzen. Wahrscheinlich vor allem, weil es nicht Facebook ist.

Als Facebook Whatsapp übernahm, hatten wir uns bereits zu sehr an die App gewöhnt. Zwar hatten wir Bedenken, denn auch wir erkennen, dass Facebook sehr viele Daten über uns sammelt – wahrscheinlich sogar zu viele. Nach der Zusammenlegung der beiden Dienste stiegen ein paar Leute aus meinem Freundeskreis auf den Messaging-Dienst Telegram um – Threema kam nicht in Frage, denn das kostet ja etwas. Durchgesetzt hat sich Telegram aber nicht. Nach und nach wechselten die meisten wieder zu Whatsapp und auch ich deinstallierte Telegram nach kurzer Zeit von meinem Smartphone – ein Dienst, bei dem man kaum Freunde hat, hat einfach keinen Sinn.

Instagram ist das neue Facebook

Statt des Facebook-Chats nutzen wir Whatsapp, die Timeline ersetzt Instagram. Warum, hat Watts bei Medium perfekt beschrieben. Der Fokus des sozialen Netzwerks liegt auf den geteilten Inhalten der Nutzer, denen ich folge. Ich bekomme das zu sehen, was mich interessiert. Der Vorteil von Instagram liegt darin, dass es eben nur ein Foto-Sharing-Dienst ist. Es ist nicht mit allen möglichen Funktionen überladen, die eh keiner nutzt. Anders als Facebook versucht es nicht, außer einem sozialen Netzwerk auch noch Kalender, Notizbuch und Spieleplattform zu sein.

Ich fühle mich bei Instagram auch nicht so zugespammt wie bei Facebook. Da in der Bildbeschreibung keine Links gesetzt werden können, bleibe ich von Listicles und „Geschichten, die mich schockieren werden“, aber auch von Werbelinks verschont. Sollte Instagram das ändern, würden viele den Dienst, wie auch Facebook, nicht mehr nutzen.

Die meisten meiner Kontakte teilen ein-, zwei-, vielleicht auch dreimal täglich ein Bild oder Video – der Feed ist dadurch viel aufgeräumter. Einen Algorithmus, der mir Inhalte vorschlägt, die mir gefallen könnten, gibt es ebenfalls nicht. Auch wird mehr Wert auf das Aussehen des Bildes gelegt. Ja, liebe Fotografen, meistens werden nur die Instagram-Hipster-Filter auf das Bild gelegt, trotzdem sieht das besser aus als die meisten Bilder, die früher auf Facebook gepostet wurden.

Die Restmülltonne der sozialen Netzwerke ist Snapchat. Hier landet alles, was wir nicht auf einer der anderen Plattformen posten möchten: lustige Bilder oder Videos von uns selbst zum Beispiel, die uns ein wenig peinlich sind. Außerdem können wir vor dem Versenden der Bilder einstellen, wie lange der Inhalt auf dem Smartphone des anderen angezeigt wird, bevor er sich selbst zerstört.

Eine sehr coole Funktion ist auch die Möglichkeit, eine Tagesstory zu erstellen. So können wir Freunde, die etwa gerade ein Auslandsjahr machen, an unserem Alltag teilhaben lassen, indem wir regelmäßig Dinge fotografieren und sie unserer Tagesstory hinzufügen. Das wirkt weniger selbstinszenierend als etwa auf Instagram.

 

Twitter versteht niemand, Xing braucht keiner und Google+ ist Google+

 In der Schule haben uns schon öfter Berufsberater der Arbeitsagentur versucht einzureden, dass wir uns unbedingt bei LinkedIn und Xing anmelden sollen. Aber wozu? Das braucht ihr im Berufsleben, hieß es. Einen Sinn darin sehen wir aber nicht, als Schüler und baldige Studenten ein soziales Netzwerk zu nutzen, das sich vor allem an Berufstätige richtet. Nach der Anmeldung und dem Ausfüllen des Profils hat es wohl niemand ein zweites Mal verwendet. Ok, das stimmt nicht ganz: Ein einziges Mal habe ich es bisher genutzt, um mit jemandem für meine Recherchen in Kontakt zu kommen.

Ich mag Twitter!

Auch Twitter ist so eine Sache: Das Prinzip dahinter verstehen die wenigsten in meinem Alter, das ist hier nicht anders als offenbar in den USA. Meine Freunde können nicht nachvollziehen, warum Twitter besser als andere Dienste ist, um miteinander in Kontakt zu bleiben. Aber genau hier liegt der Denkfehler, denn bei Twitter folgt man eher selten seinen tatsächlichen Freunden, sondern Fremden, die in irgendeiner Weise relevante Aussagen in einen 140 Zeichen langen Tweet quetschen.

Wer sich mit Fremden über seine Interessen austauschen möchte, nutzt Tumblr: Es ist der einfachste Weg, ein eigenes Blog zu führen, und bietet mehr Möglichkeiten als Twitter. Hauptsächlich schreiben Freundinnen von mir ihre Gedanken über Mode, Bücher, Musik und Filme auf. Ob ihr Blog letztendlich gelesen wird, ist den meisten egal. Es ist ihnen sogar lieber, wenn die wenigsten in ihrem Umfeld von dem Blog wissen. Einfach, weil sie bei Tumblr auch sehr persönliche Inhalte teilen – wie in einem Tagebuch.

Für mich ist Twitter aber die bessere Alternative zu Tumblr: Es hat sich zu dem Dienst entwickelt, den ich am häufigsten nutze – allerdings weniger, um mich mit anderen auszutauschen. Twitter hat mit der Zeit meinen News-Feed ersetzt. Dank der Listenfunktion kann ich Nutzer sortieren, denen ich folge, und habe den für mich interessanten Inhalt schnell verfügbar. So wie ich nutzen aber die wenigsten Jugendlichen Twitter.

Die meisten nutzen es, um mit ihren Youtube-Stars, Lieblingsschauspielern oder -musikern in Verbindung zu kommen. Denn wenn man auf einem der sozialen Netzwerke eine Antwort von einem dieser Promis bekommt, dann auf Twitter.

Ach ja, Google+ …

Ach, Google+ hätte ich fast vergessen. Das sagt schon einiges darüber aus, was uns das Netzwerk bedeutet. Google+ haben die meisten Jugendlichen eigentlich nur, weil sie auf Youtube unterwegs sind und kommentieren. Oder weil sie ein G-Mail-Konto haben. Das war ja einige Zeit fest mit einem Google+-Konto verbunden.

Es gibt also doch noch ein vermeintlich großes soziales Netzwerk, das für Jugendliche noch weniger Relevanz besitzt als Facebook.

Sebastian Wochnik ist 17 Jahre alt und arbeitet seit mehreren Jahren bei Golem.de. Begonnen hat er mit einem Schülerpraktikum, jetzt schreibt er neben der Schule für Golem.de vor allem über mobile Geräte.

Quelle: Golem.de